Der 24. März 2005 weltweit! weltweit24maerz.de ist ein Hörfunk- und Internetprojekt mit Foto- und Tonmaterial. Reporter aus aller Welt dokumentieren den Alltag von Menschen in Ton und Bild. mehr
22.07.2005 07:55
Detlef Clas | Deutschland |
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“Ein Tag wie morgen” – “Jetzt!” von Wolfram Wessels
2005 hat sich die Medienwelt grundsätzlich gewandelt. Wir werden mit Alltagsgeschichten überschüttet auf unzähligen Hörfunk- und Fernsehkanälen, in Zeitungen und Zeitschriften, im Internet. Manchmal wissen wir über die Opfer von Bombenanschlägen in London, im Irak und Israel besser Bescheid als über den Gesundheitszustand unseres Nachbarn. Wir leiden weniger an einem Informationsmangel als an einem Informations-overkill, der uns lähmt, weil wir nicht wissen, was wir mit all den Informationen anfangen sollen. Da bedarf es der ordnenden Hand eines Autors, wie schon zu Schnabels Zeiten. Aber er kann nicht mehr so tun, als hätte er einen Überblick, den er gar nicht haben kann, weil er nicht einmal weiß, was dazu fehlt. Es würde nicht einmal etwas nutzen, lediglich seine Funktion deutlich zu machen, es würde nichts an seinem tatsächlichen Unvermögen ändern. Zu sehr haben wir uns gewöhnt an die postmoderne Unübersichtlichkeit, die uns dazu zwingt, die Welt selbst wahrzunehmen durch die eigenen Augen und Ohren. Die Medien liefern dazu lediglich die Materialen. Die Welt erklären können sie nicht mehr, die Weltgeschichte müssen wir selbst schreiben als unsere Geschichte, die Geschichte unserer Wahrnehmung der Welt. Also musste ich auf andere Weise mit dem mir 2005 vorliegenden Material umgehen, als Ernst Schnabel mit seinem 1947, 1950 und 1977, um dennoch auf seinen Spuren zu bleiben. Wie er streng sein Material nach dem Tageslauf dramaturgisch ordnete, habe ich ein ebenso strenges Prinzip gewählt. Auch ich folge dem Tageslauf, nur ist er nun räumlich geworden und folgt dem Lauf der Sonne über die Längengrade hinweg, beginnend und endend in Deutschland. Zwar verläuft die Datumsgrenze kurz vor Neuseeland, doch ist Zeit ein Kontinuum, das an jedem Fleck der Erde seinem eigenen Rhythmus gehorcht. So bleibt Deutschland der Fixpunkt, aus dem die Welt betrachtet wird, schließlich stammen auch die Reporter, die die Menschen weltweit befragten, was sie am 24. März getan, gedacht, empfunden haben, aus Deutschland. Ihre Herkunft wird die Wahl ihrer Interviewpartner und ihre Fragen nicht unberührt gelassen haben. Die Nachrichten vom Tage aus deutschen Radios strukturieren die Sendung, markieren, wie die Zeit voranschreitet, während ein Sprecher den Ort nennt, den die Sonne gerade erreicht hat. Einen auktorialen Erzähler, der den Überblick hat, gibt es nicht, die Geschichte des 24. März 2005 muß sich selbst erzählen. Es ist eine Geschichte, die sich letztlich nicht mehr unterscheidet von den anderen Geschichten die tagtäglich die vielfältige Medienwelt bestimmen. Wirklichkeit, Authentizität, kann sie nicht bieten: im Radio findet sich immer nur die Wirklichkeit des Radios. Allerdings kann sie Bezüge deutlich machen, Verbindungen herstellen zwischen den einzelnen Berichten. Wenn Menschen von vergleichbaren Problemen reden, Wünschen und Hoffungen, dann treten sie auch in einen Dialog miteinander, gleich ob sie aus Neuseeland, Syrien oder Deutschland kommen. “Wir hofften, etwas von den Milliarden Sekunden, Erlebnissen, Erfahrungen, Empfindungen, Gedanken und Entscheidungen zu erfahren, die der millionenfach erlebte Tag enthält”, sagte Ernst Schnabel in der Vorrede zu seiner Sendung 1947. Das gilt auch 2005. Aber der zeitliche Horizont ist ein anderer geworden. 1947 fanden die “Milliarden Sekunden” erst Monate später in Schnabels Hörspiel den Weg in die Öffentlichkeit, 2005 stehen sie am gleichen Tag im Internet. Ernst Schnabel hatte es auf einen zeittypischen “Tag wie morgen” abgesehen, von dem er erzählen wollte. “Wir haben nur das ‚Jetzt’ “, sagt der Chaos-Forscher Otto E. Rössler am 24. März einer Reporterin ins Mikrofon. Das ‚Jetzt’ überall, zeitgleich auf der ganzen Welt, zeitgleich im Netz, eingefroren in meiner Sendung, die daher auch diesen Titel tragen soll: “Jetzt!”. Es ist kein erzählendes Hörspiel mehr in Schnabels Sinne, auch keine Collage, wie er sie verstand. Es wird nicht mehr von einem typischen Tag erzählt, sondern ein Moment festzuhalten versucht in all seiner Begrenztheit und Zufälligkeit. Und dennoch kann ich einig sein mit den Worten Ernst Schnabels, die er 1950 seinem Hörspiel voranstellte: “Hineinverstrickt in die Menschenwelt. Das ist es. Was wir wollen ist: Diese Verstrickung zeigen. Zeigen: Dass kein Mensch eine Insel ist – und dass dies manchen ihre Einsamkeit erleichtern und allen das Gefühl der allgemeinen Verantwortung aufbürden sollte.”
Jetzt! Der 24. März 2005 weltweit von Wolfram Wessels am 24.07.2005 in SWR2 RadioArt ab 16.05 Uhr am 25.09.2005 in WDR5
16.06.2005 16:52
Detlef Clas | Deutschland | Kommentar schreiben »
Der 24. März – weltweit Eine Kollage aus den Reportagen
Am 24. März 2005 haben Reporter rund um den Erdball Menschen nach ihren alltäglichen Vorstellungen und Wünschen gefragt: Was bewegt sie? Was macht ihnen zu schaffen? Was erwarten sie? Und was tun sie eigentlich? Die philippinische Haushaltshilfe in Singapur, deren Tochter bei Verwandten aufwächst. Der Straßenmusikant in Teheran, dem Musik nichts bedeutet. Der Autowäscher in Kapstadt, der am liebsten nur singt. Und was denkt eine Brillenverkäuferin in Buenos Aires am Jahrestag des Staatsstreiches, an dem sich in Argentinien einst die Generäle an die Macht geputscht hatten? Auch ein 24. März.
16.06.2005 09:44
Detlef Clas | Deutschland | Kommentar schreiben »
HörSpielPositionen Ein Tag wie morgen Der 1. Februar 1950 Dokumentarhörspiel von Ernst Schnabel
Regie: Fritz Schröder-Jahn Produktion: NWDR 1950 Wiederholung: 104 Minuten
Im entbehrungsreichen Nachkriegswinter 1947, zwei Wochen nach Aufhebung der Lebensmittelrationierung 1950 sowie zu Beginn des letzten großen Krisenjahrs der Republik 1977 forderte Ernst Schnabel seine Radiohörer auf, ihm brieflich von ihrem Tagesablauf zu erzählen. Aus diesen Beiträgen entstanden drei Dokumentarhörspiele, gefüllt mit tausenden von Einzelschicksalen und aktuellen Meldungen, Beobachtungen zur Wetterlage, zur Tagesposition des Planeten Erde und zu den höchst irdischen Verhältnissen der Nachkriegsdeutschen und Bundesbürger auf ihm. Drei Tage ohne überschattende Großereignisse, die einen umso tieferen Eindruck in die Alltagsnöte der Westdeutschen gestattet. Der wohl originellste Versuch radiophoner Zeit-Geschichtsschreibung. Mit: Helga Feddersen, Ursula Herking, Hardy Krüger, Inge Meysel, Joseph Offenbach, Marianne Kehlau, Heinz Ladiges, Peter Mosbacher, Fritz Schröder-Jahn u.a.
Ernst Schnabel, (1913–1986) fuhr 1931-45 zur See, war 1946-50 Chefdramaturg und 1951-55 Intendant des NWDR, danach freier Schriftsteller in West-Berlin. Umfgangreiches radiophonisches, erzählerisches und essayistisches Gesamtwerk.
Buchausgabe: Reclam Verlag
03.06.2005 15:01
Detlef Clas | Deutschland | Kommentar schreiben »
Jetzt! Der 24. März 2005 weltweit von Wolfram Wessels
Es ist Gründonnerstag, in Kirgisien stürzt eine Regierung, in Argentinien wird eines Militärputsches vor 29 Jahren gedacht, in Israel haben Schüler wegen des bevorstehenden Purim-Fests schulfrei. In Südafrika träumt ein Autowäscher davon, Opernsänger zu werden, eine Multiple-Sklerose-Kranke in Deutschland ist diesem Traum näher und ferner zugleich: sie singt auf CDs, kann aber kaum noch laufen. Was hat das Leben zu bieten, wo komme ich her, wo will ich hin, wo bin ich zu Hause? Der Weltsicherheitsrat verlängert die UN-Mission in Afghanistan. Eine junge Chinesin stellt während des Yunfests ihren ersten Film vor, in den USA wird noch immer über das Sterben der Wach-Koma-Patientin Terri Shiavo gestritten und ein britischer Wissenschaftler berichtet über die Erfahrungen mit seinem implantierten Chip. Der Kampf ums Leben und Überleben hat überall andere Formen und wird doch überall als Kampf empfunden. Davon erzählen die Geschichten der Menschen aus allen fünf Kontinenten, die Reporter im Auftrag des SWR-Projektes “weltweit” gesammelt und ins Internet gestellt haben. Sie treten in einen Dialog miteinander und mit der medial vermittelten Nachrichtenlage und geben damit Zeugnis vom Zustand der Welt Anfang des 21. Jahrhunderts.
31.05.2005 14:52
Karl-Ludolf Hübener | Venezuela | Ein Kommentar »
“Alles raus!” Frank Bordan treibt zur Eile. Der Außenborder heult auf. Der lange Einbaum sitzt fest, auf Geröll und Felsen in einer Stromschnelle. Der Wasserstand des Churin-Flusses ist bedenklich niedrig. Trockenzeit in Venezuela. Touristen, angetan mit Badehose oder Bikini, Shorts und T-Shirt, springen schnell ins Wasser, einige allerdings recht behäbig und ungelenk. Langsam schieben sie das Boot gegen die Strömung, bis sie bis zur Hüfte im braunen Wasser waten. “Schnell wieder rein!” kommandiert Frank, der 36-jährige kräftig gebaute Reiseführer für Abenteuerlustige. Die 12-köpfige Gruppe hat schon mehr als zwei Dutzend dieser Kommandos über sich ergehen lassen. Mit einem aufmunternden Lächeln versucht er die allmählich müde und erschöpft wirkenden Reisenden aufzuheitern. Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel, einige Beine und Arme röten sich allmählich.
Schauplatz ist der “Nationalpark Canaima”, im venezolanischen Regenwald, mit rund 30 000 Quadratkilometern fast so groß wie das Bundesland Baden Württemberg . Mit Kleinflugzeugen ist die Gruppe bis zum gleichnamigen Camp Canaima ( nach einer furchterregenden indianischen Gottheit benannt) gelangt. Das Camp besteht aus einer Ansammlung von Lodges, einfacheren Unterkünften und Hütten mehrerer Hundert touristenerprobter Pemones-Indianer.
Frank und einige indianische Helfer hatten die Gruppe in Canaima in Empfang genommen. In einem Einbaum mit Außenborder ging es dann über dreißig Kilometer flussaufwärts bis zu einem weiteren Camp, in dem Hängematten als Nachtlager aufgespannt sind. Ziel am nächsten Tag und Höhepunkt des Abenteuers: der Salto Angel, der mit fast 1000 Metern höchste Wasserfall der Welt. Vorbei an steil aufragenden Felswänden , vorbei am schier undurchdringlichen Dickicht des Urwaldes, in dem noch immer Panther, Leoparden und Tapire herumstreifen.
Frank ist im Landesinneren Venezuelas geboren. Er kam vor sechzehn Jahren mit einer Baufirma nach Canaima. Die urwüchsige Szenerie aus unzähligen Wasserfällen, tropischer Vegetation und den Tepuys genannten Tafelbergen nahm ihn gefangen. Er blieb. Es gelang ihm als Fremdenführer Fuß fassen und so seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Alle drei Tage begleitet er nun Touristen auf dem Weg zum Salto Angel, unter ihnen nicht wenige Deutsche. Mit Hilfe eines alten bayerischen Reiseführers und ehemaligen Diamantensuchers, der auch in Canaima hängen geblieben ist, hat er sich ein beachtenswertes Deutsch-Vokabular angeeignet.
Die Freizeit verbringt Frank, der sich selber als “Halbblut” bezeichnet, vor allem mit Pemones in der Canaima-Kolonie. Sie haben ihn “als einen der ihren” akzeptiert. In den letzten zwanzig Jahren haben sich in Canaima zahlreiche Pemones niedergelassen – auf der Suche nach Arbeit.
Frühere Regierungen hatten die Ureinwohner, nicht nur in Canaima, völlig ihrem armseligen Schicksal überlassen. Erst der jetzige Präsident Hugo Chavez hat erstmals indianische Rechte in der neuen Bolivarischen Verfassung verankert. Frank lässt deshalb nichts auf ihn kommen, auch wenn ihn betuchtetere Touristen und “antichavistas” hasserfüllt vom Gegenteil zu überzeugen versuchen. Inzwischen gibt es in Canaima eine zweisprachige Schule und Unterricht in Spanisch und Pemon. In einem kleinen staatlichen Supermarkt “Mercal” werden billige Grundnahrungsmittel verkauft. Und nicht zu übersehen: eine kleine Krankenstation. Ein Arzt betreut nun die Gemeinde.
Den will auch Frank schnellstens aufsuchen. Sein Lächeln wirkte heute manchmal sehr gequält. Die Schmerzen in Brusthöhe waren immer schlimmer geworden. Franks Eigendiagnose: er hat sich bei einer der letzten Touren eine Rippe gebrochen.
Karl-Ludolf Hübener